



Weitere Eindrücke der Augusttour 2026
Ergänzende Originalaufnahmen dokumentieren weitere Stationen und Begegnungen der Tour – von Kiew und den Gedenkorten über Mykolajiw bis zu den Partnern in der Südukraine.















Wir waren zu zweit unterwegs – aber niemals nur zu zweit
Auch wenn auf dieser Reise Martin und Simon unterwegs waren: Hinter ihnen steht das gesamte Team von ERMSTALHILFT und ein großes Netzwerk aus Helferinnen und Helfern, Mitgliedern, Spendern, Feuerwehren, Kommunen, Unternehmen und Partnern. Der ausführliche Dank steht bewusst am Ende dieses Reiseberichts.
Montag, 3. August – Aufbruch in Dettingen
Am Montag starten wir in Dettingen an der Erms. Vor uns liegen tausende Kilometer, viele Stationen und ein Fahrzeug, das seinen zukünftigen Einsatzort in Ismail erreichen soll. Gleichzeitig nehmen wir uns vor, die lange geplante neue Website von ERMSTALHILFT auf dieser Reise endlich entscheidend voranzubringen. Wie dieses digitale Vereinsgedächtnis unterwegs entsteht, erzählen wir am Ende des Berichts. Am späten Abend erreichen wir die polnisch-ukrainische Grenze und checken noch vor Mitternacht in Lwiw ein.
Dienstag, 4. August – erste Begegnung mit einer Dankbarkeit, die uns begleiten wird
Nach dem Frühstück bleibt etwas Zeit für einen kurzen Spaziergang durch Lwiw. Schon hier erleben wir etwas, das sich während der kommenden Tage immer wiederholen wird. Der Parkplatzwächter unseres Hotels sieht unser Fahrzeug, erkennt, woher wir kommen, und bringt seine Dankbarkeit für die Unterstützung aus Deutschland zum Ausdruck. Es ist eine kleine Begegnung. Kein offizieller Termin, keine Übergabe, keine Presse. Und gerade deshalb bleibt sie hängen. In den folgenden Tagen werden uns Passanten, Parkwächter und sogar ukrainische Zoll- und Grenzbeamte immer wieder spontan ansprechen. Sinngemäß hören wir häufig: „Vielen Dank, Deutschland. Vielen Dank für eure Unterstützung.“ Diese Dankbarkeit begleitet uns von der Westukraine bis in den Süden des Landes. Und sie motiviert.
Kiew – Blumen, Bilder und eine Stadt im Krieg
Von Lwiw fahren wir weiter nach Kiew. Am Nachmittag des 4. August erreichen wir die Hauptstadt. Unser Zimmer befindet sich im zwölften Stock des Hotel Dnipro, nur wenige Meter vom Maidan entfernt. Es regnet, als wir hinausgehen. Auf dem Maidan sehen wir etwas, das sich kaum angemessen beschreiben lässt: unzählige ukrainische Fahnen, Blumen, Bilder, Namen und persönliche Erinnerungsstücke für gefallene Soldaten. Was aus der Entfernung wie ein Meer aus kleinen Fahnen aussieht, wird aus der Nähe zu etwas sehr Persönlichem. Hinter jedem Foto steht ein Mensch. Hinter jedem Namen eine Familie. Wir bleiben lange stehen. Am nächsten Morgen, dem 5. August, erkunden wir Kiew weiter. Wir sehen eine Kirche und weitere Gedenktafeln für gefallene Soldaten. Auf einem Platz steht ein großes Freedom-Zeichen. Daneben wird sichtbar, was Krieg materiell hinterlässt: erbeutetes militärisches Gerät, zerstörte Fahrzeuge und Maschinen. Darunter befinden sich auch zivile Fahrzeuge – ein zerstörter Mähdrescher und ein schwer beschädigter Mercedes Sprinter eines Notfall- beziehungsweise humanitären Teams. Das Nebeneinander ist schwer auszuhalten: eine europäische Millionenstadt, Menschen auf dem Weg zur Arbeit, Cafés und Straßenverkehr – und wenige Meter weiter die Zeugnisse eines Krieges, der jeden Tag weitergeht.
Vertiefender Bericht: KiewButscha – ein Ort, an dem Worte schwerfallen
Gegen Mittag fahren wir weiter nach Butscha, nur wenige Kilometer außerhalb Kiews. Wir kennen die Bilder aus den Nachrichten. Aber an dem Ort zu stehen, ist etwas anderes. Der Besuch ist für uns unheimlich und beklemmend. Wir besuchen die Kirche des Heiligen Apostels Andreas des Erstberufenen und die dortige Erinnerungsstätte. Eine Informationstafel dokumentiert, dass auf dem Kirchengelände 117 von russischen Soldaten getötete Einwohner in einem Massengrab gefunden wurden. Zahlen sind nüchtern. Der Ort ist es nicht.
Später besuchen wir am Rand der Stadt eine weitere kleine Gedenkstätte an einem Industriegebäude. Dort erinnern Bilder, Blumen und Kerzen an mehrere ermordete Männer. Wir fotografieren – aber anders als sonst. Nicht, um einen schönen Moment festzuhalten. Sondern weil wir glauben, dass auch diese Orte dokumentiert werden müssen. Butscha ist eine Station unserer Tour, die man nicht einfach abhakt.
Poltawa – ein kurzer Zwischenstopp
Von Butscha geht es weiter nach Poltawa. Unser Aufenthalt ist kurz. Einige Bilder mit dem ERMSTALHILFT-Fahrzeug, dem Schriftzug der Stadt und der Kirche im Hintergrund dokumentieren die Station. Dann geht es weiter. Am Abend erreichen wir Dnipro.
Dnipro – aus Paketen werden persönliche Beziehungen
Dnipro ist für uns kein völlig neuer Punkt auf der Landkarte. Bereits 2022 und 2023 hatte ERMSTALHILFT mehrere Pakete und Hilfsgüter hierher geschickt. Eine direkte Anlieferung durch unsere Fahrer war damals nicht möglich. Nun können wir Menschen persönlich treffen, die diese Hilfe erhalten und weitergegeben haben. Beim Abendessen sitzen wir mit zwei Freiwilligen zusammen und sprechen lange über ihre aktuelle humanitäre Arbeit und darüber, wie sich die Situation verändert hat. Das ist genau einer jener Momente, wegen denen wir solche Touren für so wichtig halten. Aus einem Paket wird irgendwann ein Gesicht. Aus einem Kontakt eine Beziehung. Und aus einer Hilfslieferung kann über Jahre Vertrauen entstehen. Die Nacht erinnert uns allerdings schnell daran, wo wir sind. Deutliche Raketeneinschläge sind zu hören.
Donnerstag, 6. August – Training, Zerstörung und schwere Technik
Am nächsten Morgen treffen wir erneut die Freiwilligenorganisation und erhalten außerdem einen kurzen Einblick in das Trainingslager einer kleinen Militäreinheit. Danach geht es weiter. Unterwegs erleben wir am frühen Morgen noch eine Szene, die sich einprägt. Ein schwer beschädigtes Gewerbegebäude liegt vor uns. Nach den Informationen, die wir vor Ort erhalten, war es in der Nacht getroffen worden. Feuerwehr- und Rettungsfahrzeuge verlassen gerade den Einsatzbereich. Besonders auffällig sind große Tieflader mit schweren Kettenbaggern. Sie gehören zur technischen Ausstattung, die benötigt wird, wenn nach schweren Zerstörungen Trümmer bewegt und Ruinen bearbeitet werden müssen. Für uns als Feuerwehrleute ist dieser Anblick noch einmal besonders. Wir wissen, wie aufwendig technische Hilfe bereits unter normalen Bedingungen sein kann. Hier findet sie unter Kriegsbedingungen statt.
Krywyj Rih – eine Allee, die nicht enden will
Am Nachmittag erreichen wir Krywyj Rih, die Geburtsstadt des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Im Zentrum der Stadt stoßen wir auf eine Gedenkallee. Sie zieht sich über hunderte Meter. Porträt folgt auf Porträt. Fahne auf Fahne. Blumen, Namen, Lebensdaten. Wieder stehen wir vor dem gleichen Problem wie in Kiew: Man versucht, die Dimension zu begreifen – und merkt, dass man es eigentlich nicht kann. Jedes Bild ist ein Mensch, der fehlt.
Mykolajiw – Kriegsschäden und beeindruckende freiwillige Arbeit
Am Abend des 6. August erreichen wir Mykolajiw. Schon unser Hotel vermittelt einen Eindruck davon, wie sehr sich Krieg in den Alltag hineingefressen hat. Zahlreiche Fenster und Öffnungen sind ohne Verglasung. Stattdessen sind sie mit OSB- beziehungsweise Holzplatten verschlossen. Wir beziehen unser Zimmer.
Am nächsten Morgen, Freitag, 7. August, um 10 Uhr, treffen wir zwei Freiwillige unserer Partnerorganisation Stribog. Alexander kann diesmal nicht persönlich dabei sein. Nach unseren Informationen leistet er weiterhin Militärdienst an der Front. Seine Tochter und deren Partner empfangen uns. Gemeinsam schauen wir uns den Backwagen an. Die mobile Backstube ist eines jener Projekte, bei denen man unmittelbar sieht, was praktische Hilfe bedeuten kann. Mehlsäcke werden verladen, Abläufe besprochen und Erfahrungen ausgetauscht. Danach besuchen wir eine freiwillige Organisation für Menschen mit Behinderung. Die Einrichtung befindet sich als Notlösung im Unter- beziehungsweise Kellergeschoss eines Mehrfamilienhauses. Die räumlichen und materiellen Bedingungen sind sehr einfach. Und trotzdem erleben wir dort eine Arbeit, die uns beeindruckt. Die verantwortliche Leiterin empfängt uns herzlich und erzählt von ihrer täglichen Arbeit. Auch hier wird uns große Dankbarkeit entgegengebracht. ERMSTALHILFT unterstützt diese Einrichtung finanziell dabei, zumindest das Nötigste zu beschaffen. Solche Besuche verändern den Blick auf ein Projekt. Eine Überweisung ist eine Zahl auf einem Kontoauszug. Wenn man aber anschließend in diesem Keller steht, mit den Menschen spricht und sieht, was sie mit begrenzten Mitteln leisten, bekommt diese Zahl ein Gesicht.
Odessa – ein Arbeitsgespräch mit Karina Beigelzimer
Nach den Terminen in Mykolajiw fahren wir weiter nach Odessa. Gegen 19 Uhr erreichen wir die Stadt. Am Abend treffen wir Karina Beigelzimer zum gemeinsamen Essen. Karina begleitet die Region seit vielen Jahren journalistisch. Unser Treffen ist deshalb kein Höflichkeitstermin, sondern ein Arbeitsbesuch. Wir sprechen intensiv über die aktuelle Situation, über unsere bisherigen Projekte, über ihre Arbeit und darüber, wie wir zukünftig weiter zusammenarbeiten können. Zwischen journalistischer Beobachtung und humanitärer Arbeit gibt es einen wichtigen Berührungspunkt: Beide müssen hinschauen.
Nur wenn sichtbar wird, was Menschen tatsächlich benötigen und unter welchen Bedingungen sie leben, kann Unterstützung zielgerichtet organisiert werden. Wir vereinbaren, den Austausch fortzusetzen. Wenige Tage später erscheint in der Kleinen Zeitung ein großes Interview mit Karina unter dem Titel „Wir gehen da gemeinsam durch“. Darin beschreibt sie ihren Alltag als Lehrerin in Odessa, Unterricht unter Raketen- und Drohnenalarm und die Bedeutung von Bildung, Normalität und Zukunft für junge Menschen im Krieg. Auch dadurch bekommt unser Gespräch rückblickend noch einmal eine zusätzliche Dimension.
Nächte, die man nicht vergisst
Während dieser Tour erleben wir wieder Luftalarm und hören Raketeneinschläge. Auch in Odessa sind sie in der Nacht nicht zu überhören. Etwas unterscheidet diese Tour jedoch von unseren Fahrten in den Jahren zuvor. Bei früheren von uns miterlebten russischen Luft- und Raketenangriffen hatten wir immer wieder auch Geräusche wahrgenommen, die wir der ukrainischen Luftabwehr zuordneten. Diesmal ist das anders. Egal, an welcher Station wir uns befinden: Wir nehmen bei den von uns erlebten Angriffen keine für uns erkennbare Luftabwehr wahr. Besonders schlimm erleben wir eine Nacht in Kiew. Im zwölften Stock unseres Hotels, wenige Meter vom Maidan entfernt, hören wir Einschläge. Die Druckwellen einzelner Detonationen können wir körperlich spüren. Für uns ist es das bislang schlimmste Erlebnis dieser Art auf unseren Touren. Nicht zu wissen, was als Nächstes kommt, und gleichzeitig das uns aus früheren Aufenthalten vertraute Geräusch einer Abwehr nicht wahrzunehmen, verstärkt das Gefühl des Ausgeliefertseins. Wir können dabei nur unsere persönliche Wahrnehmung beschreiben. Aber diese Nacht werden wir nicht vergessen.
Samstag, 8. August – über Sarata und Arzys nach Tarutino
Am Samstagmorgen verlassen wir Odessa und fahren über Sarata und Arzys Richtung Tarutino/Bessarabske. In Arzys halten wir kurz. Der gelb-rote Audi Q5 vor dem markanten Turm der Stadt wird zu einem der vielen Ortsbilder dieser Tour. Gegen 15 Uhr erreichen wir Tarutino. Larissa, Oksana und Daniel erwarten uns bereits. Und heute gibt es ausnahmsweise ein Projekt, von dem Martin vorher nichts wissen soll. Er hat Geburtstag. Unsere Freunde haben eine kleine Überraschung vorbereitet. Nach den vielen Kilometern, Terminen und Eindrücken tut es gut, für einen Moment einfach gemeinsam zu feiern.
Ein Abend, der zeigt, was Partnerschaft bedeutet
Gegen 18 Uhr treffen weitere langjährige Partner ein. Mit dabei sind Bürgermeister Sava Cherniev aus Tarutino, Sergey Parpulansky, Bürgermeister von Arzys, sowie Boris, der Kreisbrandmeister der Region. Wir sitzen lange zusammen. Natürlich geht es um Projekte. Um Fahrzeuge. Um Bedarfe. Um das, was bereits funktioniert hat und um das, was als Nächstes gebraucht wird. Aber irgendwann gehen solche Gespräche tiefer. Es geht um den Alltag im Krieg. Um Verantwortung. Um Familien. Um Menschen, die fehlen. Um Sorgen, die sich nicht mit einer Hilfslieferung lösen lassen. Es sind gute Gespräche. Es sind teilweise harte Gespräche. Und manche gehen sehr nah ans Herz. Von unseren Partnern erfahren wir großen Respekt und eine Dankbarkeit, die uns fast unangenehm berührt – denn wir wissen, wie viele Menschen zu Hause dazu beitragen, dass unsere Arbeit überhaupt möglich ist. Dieser Abend bestätigt uns erneut etwas Grundsätzliches: Es reicht nicht, Ware zu liefern.
Sonntag, 9. August – der Audi Q5 erreicht Ismail
Am nächsten Morgen brechen wir nach Ismail auf. Dort erwartet uns der stellvertretende Bürgermeister Serhiy Luzanov. Ebenfalls dabei ist Serhiy Dmytrovych Bazhak, Generaldirektor der städtischen Zentralklinik Ismail, sowie das Team des Krankenhauses. Jetzt erreicht der Audi Q5 Notarztwagen , den wir über all diese Kilometer begleitet haben, seinen Bestimmungsort. Die Übergabe verläuft problemlos. Doch bevor Schlüssel und Hände gewechselt werden, wird das Fahrzeug erst einmal gründlich begutachtet. Das Klinikteam nimmt die Ausstattung genau unter die Lupe. Besonders wichtig sind die Thermobox beziehungsweise der Kühlschrank, mit denen Infusionen und Medikamente gekühlt transportiert beziehungsweise aufbewahrt werden können. Auch die 4 vorhandenen Notarzt-Einsatzkoffer sind eine wichtige Ergänzung für die Arbeit vor Ort. Die Freude des Teams ist unmittelbar zu spüren. Und genau in diesem Moment wird aus einem Fahrzeug, das wir tagelang über europäische Straßen gefahren haben, ein Arbeitsmittel für Menschen, die es tatsächlich benötigen.
Zum Bericht: Notarztwagen für IsmailHilfe für Ismail hat eine Vorgeschichte
Es ist nicht das erste Fahrzeug, das ERMSTALHILFT nach Ismail bringt. Bereits zuvor wurde ein spezialisierter Ford-Minibus für Menschen mit Behinderung übergeben. Nach Angaben unserer Partner wird dieser unter anderem eingesetzt, um verwundete ukrainische Verteidiger zu medizinischen Einrichtungen nach Odessa zu bringen und Menschen mit Behinderung in Ismail zu transportieren. Auch andere Hilfen haben Ismail in den vergangenen Jahren erreicht: Generatoren, Ausrüstung und Werkzeuge für Rettungsdienste, Spezialkleidung, Schuhe, Bildungsausstattung und weitere benötigte Güter. Das zeigt, was aus einer ersten Hilfsaktion entstehen kann, wenn Kontakte bestehen bleiben.
Ein Ort des Gedenkens in Ismail
Gemeinsam mit dem stellvertretenden Bürgermeister besuchen wir außerdem das Gräberfeld für die gefallenen Soldaten der Stadt. Wieder sehen wir ukrainische Fahnen.
Wieder Bilder. Wieder Namen. Wieder Familiengeschichten, von denen wir nur einen kleinen Ausschnitt kennen. Wir entscheiden uns auch hier bewusst dafür, diese Eindrücke zu dokumentieren – respektvoll und ohne einzelne Schicksale für unsere Arbeit zu instrumentalisieren. Die vielen Gräber erinnern daran, warum medizinische Hilfe, Feuerwehrfahrzeuge, Generatoren und all die anderen Projekte überhaupt notwendig geworden sind.
Sonntagabend – zurück nach Tarutino Am Sonntagabend kehren wir nach Tarutino zurück. Dort führen wir noch einmal ein langes und intensives Gespräch mit Oksana, Daniel, Peter und Larissa. Eigentlich liegt ein langer Tag hinter uns. Doch an ein frühes Ende ist nicht zu denken. Wir sprechen über das Erlebte, über die Situation vor Ort und über die Zusammenarbeit. Vieles lässt sich über Telefon und Messenger organisieren. Man kann Bedarfslisten schicken, Fotos austauschen und Transporte abstimmen. Aber manches erzählt man sich erst, wenn man gemeinsam an einem Tisch sitzt. Manche Sorgen werden erst ausgesprochen, wenn Zeit dafür da ist. Und manches Gespräch verlässt irgendwann die Ebene eines Hilfsprojektes und wird persönlich. Genau diese Momente sind es, die Beziehungen entstehen lassen, die weit über eine einzelne Lieferung hinausreichen. Während wir zusammensitzen, erinnert uns der Krieg erneut daran, dass er auch an diesem Abend nicht weit entfernt ist. Sirenen heulen. Luftalarm. Für unsere Freunde gehört das inzwischen zu einem Alltag, an den man sich eigentlich niemals gewöhnen sollte. Für uns bleibt es jedes Mal beklemmend.
Montag, 10. August – ein letzter Projekttag in Tarutino Unser letzter vollständiger Tag in der Ukraine beginnt noch einmal mit einem Ort, der uns nachdenklich macht. Wir besuchen das Knabengymnasium in Tarutino, das am 31. März 2026 abgebrannt ist. Danach fahren wir zur örtlichen Feuerwehr. Den Tag verbringen wir gemeinsam mit Boris, dem Kreisbrandmeister. Wir kennen die Feuerwehren in der Region inzwischen seit Jahren. Als aktive Feuerwehrleute wissen wir selbst, wie entscheidend funktionierende Fahrzeuge, Schutzkleidung und zuverlässige technische Ausrüstung im Einsatz sind. Unter Kriegsbedingungen bekommt diese Frage jedoch noch einmal eine völlig andere Dimension. Wir sprechen mit Boris sehr konkret über die Situation der Feuerwehren in seinem Zuständigkeitsbereich. Welche Fahrzeuge fehlen? Welche Technik wird benötigt? Wo besteht der dringendste Bedarf? Welche ausgemusterten, aber technisch noch guten Fahrzeuge könnten aus Deutschland sinnvoll weiterverwendet werden? Gemeinsam gehen wir eine Fahrzeugbedarfsliste für die Region durch. Für uns ist genau das der richtige Weg. Nicht irgendein Fahrzeug beschaffen, weil es gerade verfügbar ist. Sondern zuerst fragen: Was wird tatsächlich gebraucht? Und dann versuchen, genau dafür eine Lösung zu finden. Boris spricht auch über die Fahrzeuge, die bereits in seinen Zuständigkeitsbereich gelangt sind. Seine Dankbarkeit ist enorm. Doch auch hier denken wir sofort an die vielen Menschen zu Hause. An Feuerwehren und Kommunen, die Fahrzeuge zur Verfügung stellen. An diejenigen, die Kontakte herstellen. An unsere Helferinnen und Helfer. An Menschen, die Fahrzeuge technisch vorbereiten.
An Spenderinnen und Spender. Und an alle, die manchmal monatelang im Hintergrund daran arbeiten, bis aus einer ersten Idee tatsächlich ein Fahrzeug wird, das irgendwo in der Ukraine vor einer Feuerwache steht.
Nicht nur kommen, abladen und wieder fahren
Dieser Tag bestätigt noch einmal eine Erkenntnis, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Tour zieht. Unsere Arbeit kann nicht darin bestehen, irgendwo vorzufahren, eine Heckklappe zu öffnen, Hilfsgüter auszuladen und anschließend möglichst schnell wieder nach Deutschland zurückzufahren. Natürlich sind Fahrzeuge und Hilfsgüter wichtig. Aber genauso wichtig ist das, was sich nicht in Kilogramm, Paletten oder Fahrzeugen messen lässt. Zeit. Zeit zum Zuhören. Zeit für Fragen. Zeit für gemeinsame Überlegungen. Zeit für ein Essen. Zeit für Gespräche, die manchmal gar nichts mehr mit einem Projekt zu tun haben. Und manchmal auch Zeit für sehr persönliche Geschichten, die einem nahegehen. Wir merken auf dieser Tour wieder, wie wichtig diese persönliche Präsenz für unsere Freunde und Partner ist. Denn mit jedem Besuch vermitteln wir auch eine Botschaft: Wir kommen wieder. Wir interessieren uns nicht nur für euren Bedarf, sondern für euch. Ihr seid nicht allein. Und ihr seid nicht vergessen.
Eine Dankbarkeit, die uns durch die ganze Ukraine begleitet
Vielleicht ist das eine der überraschendsten Erfahrungen dieser neun Tage. Wir erleben Dankbarkeit nicht nur bei offiziellen Übergaben. Nicht nur bei Bürgermeistern. Nicht nur bei Feuerwehrkommandanten oder Klinikleitungen.
Sie begegnet uns immer wieder völlig unerwartet. Ein Parkplatzwächter in Lwiw. Passanten unterwegs. Menschen, die unser Fahrzeug sehen. Mitarbeiter an verschiedenen Stationen. Ukrainische Beamte und Zöllner an der Grenze. Immer wieder hören wir sinngemäß: „Danke Deutschland.“ „Danke für eure Unterstützung.“ Manchmal sind es nur wenige Worte. Aber wir wissen, was damit gemeint ist. Und diese Worte nehmen wir nicht persönlich für uns beide in Anspruch. Wenn Martin und ich dort stehen und jemand uns die Hand reicht, dann nehmen wir diesen Dank stellvertretend entgegen. Denn hinter unserem Fahrzeug steht ein ganzes Netzwerk.
Diese Tour haben zwei gemacht – möglich gemacht haben sie viele Wir möchten deshalb an dieser Stelle ganz bewusst über diejenigen sprechen, die auf vielen Fotos dieser Tour nicht zu sehen sind. Unsere freiwilligen Helferinnen und Helfer von ERMSTALHILFT. Das Team unserer Annahmestelle. Unsere Fahrerinnen und Fahrer. Menschen, die Spenden entgegennehmen. Menschen, die Kartons öffnen, Inhalte prüfen, sortieren und neu verpacken. Menschen, die Paletten zusammenstellen und Fahrzeuge beladen. Menschen, die Veranstaltungen vorbereiten. Menschen, die Kontakte zu Unternehmen, Feuerwehren und Kommunen herstellen. Menschen, die Fahrzeuge prüfen, Material organisieren oder kurzfristig einspringen, wenn irgendwo zwei zusätzliche Hände gebraucht werden. Dazu kommen unsere Mitglieder und all unsere privaten Spenderinnen und Spender. Unternehmen. Feuerwehren.
Kommunen. Vereine. Freunde. Unterstützer. Viele Arbeiten geschehen still im Hintergrund. Aber ohne diese Arbeit würde kein Fahrzeug in Dettingen starten. Wir waren auf dieser Tour zu zweit unterwegs – aber wir waren niemals nur zu zweit.
Montagabend – erschöpft, aber voller Gedanken Am Abend des 10. August sitzen wir noch einmal gemeinsam beim Essen. Hinter uns liegen Tage voller Kilometer und Eindrücke. Lwiw. Kiew. Butscha. Poltawa. Dnipro. Krywyj Rih. Mykolajiw. Odessa. Sarata. Arzys. Tarutino. Ismail. Wir haben alte Freunde wiedergetroffen und neue Menschen kennengelernt. Wir haben gesehen, was aus früheren Hilfen geworden ist. Wir haben neue Bedarfe aufgenommen. Wir haben gemeinsam gelacht. Wir haben Martins Geburtstag gefeiert. Wir haben Gespräche geführt, die Mut gemacht haben. Und Gespräche, die schwer auszuhalten waren.
Wir haben Gedenkstätten gesehen, an denen die Zahl der Namen kaum zu erfassen war. Wir haben nachts Sirenen gehört. Wir haben Einschläge gehört. Wir haben Druckwellen gespürt. Und wir haben immer wieder erlebt, wie Menschen trotz allem versuchen, ihren Alltag weiterzuführen. Am Ende dieses letzten Tages sind wir einfach nur erschöpft. Wir fallen ins Bett. Am nächsten Morgen wartet bereits der Chauffeur.
Dienstag, 11. August – über Moldau zurück nach Hause
Am Morgen verlassen wir Tarutino. Ein Fahrer bringt uns über die Grenze nach Chișinău in Moldau. Die Fahrt zum Flughafen dauert ungefähr zwei Stunden. Mit jedem Kilometer Richtung Westen verändert sich das Gefühl. Hinter uns liegt die Ukraine. Hinter uns bleiben Menschen, mit denen wir noch am Vortag an einem Tisch gesessen haben. Menschen, die am nächsten Morgen wieder mit Luftalarm aufwachen können. Feuerwehrleute, die zu Einsätzen ausrücken. Ärzte und Pflegekräfte, die unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Freiwillige, die in einem Keller Menschen mit Behinderung unterstützen. Lehrerinnen, die versuchen, Kindern zwischen Sirenen und Angriffen ein Stück Normalität zu geben. Und Freunde, von denen wir wissen, dass wir sie wiedersehen wollen. Wir fliegen von Chișinău nach Stuttgart. Am 11. August gegen 15:30 Uhr erreichen wir Stuttgart. Martin und ich sind sichtbar erleichtert. Wir sind müde. Aber eigentlich beginnt im Kopf bereits die nächste Tour. Denn in einer Sache sind wir uns vollkommen einig:
Wir müssen wiederkommen.
Die Zeit war viel zu knapp
Eigentlich hätten noch weitere Namen auf unserer Liste gestanden. Weitere Projektpartner. Weitere Einrichtungen. Weitere Menschen, die wir gerne besucht hätten. Doch neun Tage sind irgendwann neun Tage. Und die Entfernungen in der Ukraine sind groß. Diese Tour hat uns deshalb auch gezeigt, dass wir solche Besuche häufiger machen müssen. Nicht unbedingt, weil jedes Mal ein großes neues Projekt entstehen muss. Sondern weil die persönliche Begegnung selbst einen Wert hat. Ein Telefonat kann vieles klären. Eine Nachricht kann eine Bedarfsliste übermitteln. Aber eine Nachricht ersetzt keinen gemeinsamen Abend. Sie ersetzt keinen Blick in die Augen eines Menschen, der erzählt, was die vergangenen Monate mit seiner Familie gemacht haben. Sie ersetzt keinen Rundgang durch eine Feuerwehr. Keinen Besuch in einer Klinik. Keinen Kaffee mit einem Projektpartner. Und manchmal auch nicht das gemeinsame Schweigen an einer Gedenkstätte.
Während der Tour entsteht noch etwas anderes
Neben all diesen Terminen läuft während unserer Fahrt noch ein zweites Projekt. Unsere neue Website. Das Thema hatten wir lange vor uns hergeschoben. Immer gab es etwas Dringenderes. Ein Transport. Ein Fahrzeug. Eine Veranstaltung. Eine Anfrage.
Ein neues Projekt. Am 3. August bei unserer Abfahrt in Dettingen sagen wir deshalb zueinander: Jetzt machen wir es. Während einer fährt, arbeitet der andere. Wir suchen alte Presseberichte. Wir rekonstruieren Projekte. Wir sortieren tausende Bilder. Wir vergleichen Jahreszahlen. Wir suchen nach vergessenen Geschichten. Wir schreiben Texte. Beim Frühstück liegt das Handy oder der Laptop neben dem Kaffee. Abends im Hotel geht es weiter. Teilweise arbeiten wir an dieser Website, während draußen Luftalarm herrscht. Und manchmal recherchieren wir einen Ort, einen Menschen oder ein Projekt – und wenige Stunden später stehen wir genau dort oder sitzen genau diesen Menschen gegenüber. Das verändert auch unseren Blick auf unsere eigene Geschichte. Wir merken, wie viel in den vergangenen Jahren passiert ist. Wie viele Menschen beteiligt waren. Wie viele Fahrzeuge inzwischen ihren Einsatzort erreicht haben. Wie viele Begegnungen aus einer ersten Hilfslieferung entstanden sind. Und wie leicht all diese Geschichten verloren gehen können, wenn niemand sie sammelt.
Ausgerechnet unterwegs entsteht unser digitales Vereinsgedächtnis
Unser ursprünglicher Plan ist ziemlich optimistisch. Wir wollen die Website möglichst innerhalb dieser Tour fertigstellen. Das schaffen wir nicht ganz. Aber wir kommen erstaunlich weit. Nach unserer Rückkehr arbeiten wir weiter. Und schließlich ist es soweit:
Am 17. August 2026 geht die neue Website von ERMSTALHILFT online. Wir sind glücklich. Und ein bisschen stolz. Nach unserer eigenen Einschätzung sind ungefähr 80 Prozent der Arbeit an dieser neuen Website unterwegs entstanden – während der Fahrt durch den jeweiligen Beifahrer, beim Frühstück und abends in den Hotels. Eine Website, die unsere Arbeit dokumentieren soll, ist damit ausgerechnet dort zu einem großen Teil entstanden, wo diese Arbeit stattfindet: unterwegs zu den Menschen.
Warum wir diese Geschichten erzählen
ERMSTALHILFT möchte nicht nur zeigen, wie viele Fahrzeuge irgendwo angekommen sind. Wir möchten erklären, warum sie dort gebraucht werden. Wir möchten zeigen, wer dahintersteht. Wir möchten dokumentieren, wie aus einem ersten Kontakt eine Partnerschaft werden kann. Wie aus einer Hilfslieferung Vertrauen entsteht. Und wie aus Vertrauen Freundschaft werden kann. Deshalb gehören auch schwierige Bilder zu unserer Chronik. Butscha. Die Gedenkallee in Krywyj Rih. Das Meer aus Fahnen und Porträts auf dem Maidan. Die Gräber in Ismail. Das zerstörte Gebäude in Dnipro. Die zugeschraubten Fenster unseres Hotels in Mykolajiw. Wir zeigen diese Bilder nicht, um zu schockieren. Wir zeigen sie, weil sie erklären, in welcher Realität unsere Partner leben. Daneben stehen andere Bilder. Kinder. Gemeinsames Essen. Eine Schlüsselübergabe. Ein Geburtstag.
Ein Bürgermeister, der sich Zeit nimmt. Feuerwehrleute, die über ein Fahrzeug sprechen. Freiwillige, die unter schwierigsten Bedingungen weitermachen. Eine Journalistin, mit der neue Ideen entstehen. Ein Krankenhaus-Team, das sich über einen Kühlschrank für Medikamente freut. Diese Bilder gehören genauso zur Ukraine dieser Tour.
Was von neun Tagen bleibt
Was bleibt also nach neun Tagen? Natürlich der Audi Q5, der nun in Ismail seinen Dienst tun kann. Neue Projektideen. Eine Fahrzeugbedarfsliste für die Feuerwehren. Neue Informationen darüber, wo Unterstützung benötigt wird. Viele Fotos. Viele Kilometer. Und eine neue Website. Aber das Wichtigste lässt sich nicht in einer Tabelle erfassen. Es sind die Begegnungen. Die Gespräche. Das Vertrauen. Und die Gewissheit, dass persönliche Nähe einen Unterschied macht. Wir können den Krieg nicht beenden. Wir können nicht jedes Problem lösen. Wir können nicht jede Einrichtung unterstützen. Aber wir können entscheiden, ob wir wegsehen. Und wir können entscheiden, ob wir wiederkommen. Für uns steht nach dieser Tour fest: Wir kommen wieder. Nicht nur, um etwas abzuladen. Sondern um zuzuhören. Um gemeinsam Lösungen zu suchen.
Um Freundschaften zu pflegen. Um Menschen zu zeigen, dass ihre Geschichten auch in Deutschland gehört werden. Und um ihnen immer wieder zu sagen: Ihr seid nicht allein. Ihr seid nicht vergessen.
Danke
Diese Tour haben zwei von uns gemacht. Möglich gemacht haben sie viele. Unser Dank gilt allen freiwilligen Helferinnen und Helfern von ERMSTALHILFT, unseren Fahrerinnen und Fahrern, dem Team der Annahmestelle, unseren Mitgliedern, Spenderinnen und Spendern, Feuerwehren, Kommunen, Unternehmen, Vereinen und allen Menschen, die unsere Arbeit unterstützen. Und unser Dank gilt unseren Freunden und Projektpartnern in der Ukraine. Für ihre Offenheit. Für ihr Vertrauen. Für ihre Gastfreundschaft. Und dafür, dass sie uns auch in schwierigen Zeiten immer wieder die Tür öffnen. Hilfe verbindet. Persönliche Begegnung macht daraus Partnerschaft.
